Sozialforscher Ernst Gehmacher mit 94 Jahren verstorben

Als "Vollblut-Sozialforscher, der stets bestrebt war, mit seinen Untersuchungen die Gesellschaft positiv zu verändern und gerechter zu machen", bezeichnete einst das Markt- und Meinungsforschungsinstitut IFES seinen ehemaligen wissenschaftlichen Leiter und Geschäftsführer Ernst Gehmacher. Nun ist der Sozialforscher und Publizist am Wochenende im Alter von 94 Jahren verstorben, wie seine Witwe der Stadt Wien mitteilte.

Gehmacher war ein wissenschaftlicher Begleiter des gesellschaftlichen Wandels der 70er und 80er Jahre in Österreich, der Forschungsarbeiten zu Themen wie Arbeit, Alterung, Armut, Fristenlösung oder Drogen und Sexualaufklärung vorlegte. Dabei hatte sich Gehmacher nicht nur für den gesellschaftlichen Wandel interessiert, sondern sich selbst stets durchaus als wandlungsfähig erwiesen.

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler würdigte Gehmacher als Sozialforscher und Publizist, der den gesellschaftlichen Wandel der 1970er- und 1980er-Jahre im Sinne eines positiveren und gerechteren Miteinanders mitgestaltet und begleitet habe. "Als Visionär trat er für Ökokultur anstelle von Konsumkultur ein und forderte eine Wertverschiebung weg vom Finanzkapital hin zum Sozialkapital", sagte Kaup-Hasler in einer Aussendung. "Gehmacher war seiner Zeit immer einen Schritt voraus, hat insbesondere in gesellschaftspolitisch sensiblen Fragen Pionierarbeit geleistet und so einen wesentlichen Beitrag zu deren Enttabuisierung geleistet."

Am 6. August 1926 in Salzburg geboren, studierte er nach Ende des Zweiten Weltkriegs an der damaligen Hochschule für Bodenkultur in Wien Landwirtschaft. Zum Abschluss seines Studiums war er bereits Guts-Adjunkt auf einem Gutshof südlich von Wien. Als die "Maschinenzeit" und mit ihr soziale Spannungen mit dem Kampf um Arbeitsplatz und Lohn der Landarbeiter aufkam, wie sich Gehmacher einst gegenüber der "Presse" erinnerte, begann er für die "Arbeiter-Zeitung" Artikel zu schreiben. Von 1957 bis 1962 war er Redakteur des Blatts und studierte parallel Soziologie.

An der Universität assistierte er dem Soziologen Leopold Rosenmayr, ehe ihm Karl Blecha 1965 anbot, das Markt- und Meinungsforschungsinstitut IFES aufzubauen, dem er bis 1995 verbunden blieb - ab 1968 als dessen wissenschaftlicher Leiter und ab 1976 als Geschäftsführer.

Sein Pensionsantritt 1996 bedeutete für Gehmacher keinen Ruhestand. Er gründete das Büro für die Organisation angewandter Sozialforschung (BOAS), übernahm von 1997 bis 1999 die Geschäftsleitung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) und war 1999/2000 wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeldgesellschaft (PLG). 2001 wurde er Beauftragter des Bildungsministeriums im OECD-Projekt "Measuring Social Capital", wo er sich dafür engagierte, "das Sozialkapital des 'Herzens' und das Humankapital des 'Hirns' gleichwertig zum Finanzkapital der 'Börse' hinzustellen".

Jahrzehntelang war Gehmacher Lehrbeauftragter an der Universität Wien und der Technischen Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen Sozialkapital, Modellierung sozialer Systeme, Policy Research, Methodologie der Umfrageforschung, Bildungsforschung und Medienforschung. Sozialwissenschaftlich betreute er Projekte wie die Errichtung der Donauinsel oder des Donaukraftwerks Freudenau, die EU-Volksabstimmung, die Kampagne gegen das Ausländervolksbegehren ("Lichtermeer") oder die Gründung der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien.

Zu den zahlreichen Büchern und Publikationen Gehmachers zählen thematisch so unterschiedliche Veröffentlichungen wie die Beschreibung seiner Wanderung auf den Spuren Joseph Kyselaks "Zu Fuss durch Österreich" (1982), "Aufbau der Soziologie in Österreich" (1988), "Zukunft: Die Falle geht nur nach vorne auf/Jahrtausendwende - gesellschaftliche Trends" (1991), "Gewinner, Verlierer, Zögerer - Fragen zu einem künftigen Europa" (1993) oder "Das Ende des Nationalismus. Neue Fremdenfeindlichkeit und neonationalistische Aufbrüche in Ost- und Westeuropa" (1996). Als Coautor widmete er sich zuletzt "Sozialkapital - Glück und Liebe messen und machen" (2016) sowie "Wege zum Glück" (2018). Vor knapp einem Jahr, am 31. Jänner 2020, wurde Gehmacher schließlich für sein jahrzehntelanges Engagement das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien verliehen.